#autor_innensonntag: Erfolg
Added 2023-02-05 15:52:01 +0000 UTC
Beim heutigen #autor_innensonntag von @JustinePust geht es um das Thema Erfolg.
Rockstar, Genie oder Handwerker
Erfolgreiche Schriftsteller*innen stehen mit ihren Büchern auf den Bestsellerlisten, wir kennen sie aus dem Fernsehen, aus Interviews, als Gäste in Talkrunden oder von Filmpremieren. Natürlich basierend auf ihren Büchern. Sie bereisen die Welt, um ihre Romane an Originalschauplätzen zu recherchieren oder zu vollenden. Sie machen Lesetouren im ganzen Land, oder sogar im Ausland vor ausverkauftem Haus. Sie leben multinationale Leben, verbringen den Sommer in Italien, den Winter in Neuseeland.
Diesen Mythos haben die bekanntesten, oft englischsprachigen Schriftsteller*innen zum Höhepunkt ihres Schaffens geprägt. Ihre Erfolgsgeschichten lesen sich wie die von Rockstars. Vom verkannten Genie aus kargen Verhältnissen, zur Bestsellerautorin. Vom Tellerwäscher zum Millionär.
Der deutsche Buchmarkt zählt zu den größten weltweit und tummelt sich je nach Statistik auf dem dritten Platz. Es erscheinen jährlich über 50.000 neue Bücher in Deutschland.
In einer Umfrage des Spiegel gaben 150 von 3000 (also 5%) befragten Schriftsteller*innen an, vom Umsatz ihrer Bücher leben zu können (Quelle). Unklar ist, ob hier die reinen Buchverkäufe gemeint sind oder auch Lizenzrechte, Gagen von Veranstaltungen und so weiter hineinspielen. Ich würde Letzteres vermuten.
Einerseits wird der Mythos des Literatur-Rockstars fortgeschrieben, tatsächlich können die wenigsten in Deutschland vom Schreiben leben. Dieser Kontrast verstärkt sich umso mehr, je genauer man hinschaut.
Ich erinnere mich an meine erste Veröffentlichung in einer Lokalzeitung vor sechzehn Jahren. Das Papier war durchscheinend dünn und es gab kein Honorar, aber allein ein Belegexemplar in den Händen zu halten, war ein tolles Gefühl. Jemand war über meine Website auf mich zugekommen und hatte meine Geschichte gewollt. Mit meiner Freude stand ich allerdings ziemlich alleine da. Meine Rolle in meiner Familie war die einer Zimmerpflanze, ein stiller Beobachter in einer Ecke. Fremde oder Bekannte zeigten mehr Interesse.
»Du schreibst? Hast du schon ein Buch veröffentlicht?« oder »Gibt es deinen Roman in der Stadt bei Thalia?«, gehören wohl zu den Standardfragen an junge Schreibende, bis hin zu Kloppern wie »Was hast du verdient? Wieviel hast du denn verkauft?«
Über die Jahre sind mir viele Glaubenssätze und Rückfragen begegnet, die ein verklärtes Bild von Erfolg zeichnen.
Fast immer haben sie ihren Ursprung im Genie- oder Rockstar-Mythos und implizieren, dass es einen Meilenstein gäbe, ab dem man »es geschafft« hätte und es sich endlich mit einem Cocktail in der Hand am Strand seiner Südseeinsel gut gehen lassen könnte.
Mir scheint, dahinter steht der Traum »nicht mehr Arbeiten zu müssen«, den Angestellte in ausbeuterischen Jobs hegen mögen. Aus eigener Erfahrung kann ich dies zwar gut nachvollziehen, doch im kreativen Bereich ist mir diese Haltung noch nie begegnet.
Schreiben ist Arbeit und Handwerk, es ist mit Selbstzweifeln und Existenzangst verbunden, aber auch mit Selbstbestimmung und Erfüllung. Für mich ist es vor allem eine Berufung.
Es ist ein Stützgerüst für das Leben, wie Stephen King in On Writing schreibt.
Erfolge und Ziele
Inzwischen glaube ich, den singulären Erfolg gibt es für Schreibende nicht. Das Schreiben ist ein unendliches Spiel (Infinite Game nach Simon Sinek).
Wenn ich ein Ziel erreiche, erlebe ich eine Momentaufnahme von Erfolg.
Mit jedem kleinen Erfolg setze ich mir das nächste Ziel und fasse den nächsten Wegpunkt auf meiner Reise als Schreibender ins Auge. Als Lehrling in einem Handwerk, in dem niemand jemals ein Meister wird (Hemingway).
Für Jede und Jeden führt diese Reise durch eine andere Landschaft, mit eigenen Umwegen und Herausforderungen.
Wie kann ich Ziele definieren?
Natürlich möchte ich vom Schreiben leben. Ich will die besten Romane schreiben, Lesende begeistern, hoch oben in den Bestsellerlisten stehen und den großen Erfolg genießen.
Das sind Träume. Keine Ziele, denn sie sind zu vage.
Die besten Ziele sind konkret, erreichbar und messbar. Eine bestimmte Deadline zu halten ist ein solches Ziel oder jeden Tag eine gewisse Zeit in Schreibprojekte zu stecken. Oder den inneren Schweinehund zu besiegen und vor Publikum zu lesen. Oder den Nanowrimo zu schaffen und in einem Monat einen Romanentwurf von 50.000 Worten zu schreiben.
Anhand solcher Ziele lässt sich ein Schlachtplan aufstellen und von jedem Unterpunkt lassen sich Handlungen ableiten. Ich kann planen, welche Schritte noch nötig sind, um die Deadline zu halten. Ich kann trainieren, vor Publikum zu lesen. Ich kann den Nano-Roman anhand verschiedener Methoden, grober oder feiner durchplotten und darauf zurückgreifen, falls nötig.
Je nachdem, was am besten für mich funktioniert.
Weil unsere Wege als Kreative so individuell sind, ist es wichtig, persönlichen Erfolg für sich zu definieren.
Meine Definition von Erfolg
Für mich ist jede zu Ende erzählte Geschichte ein Erfolg. Darin sehe ich für mich die wichtigsten Meilensteine meines Autorenalltags, denn nur so wachse ich in meinem Schreiben. Es gibt kein Kriterium von gut oder schlecht, sondern ich schätze den Aufwand bis zur nächsten Fassung ein.
Ich beschäftige mich jeden Tag mit meinen Schreibprojekten. Das kann Recherche sein, Planung, Überarbeitung oder das konkrete Schreiben an einem Projekt.
So schmeichelhaft positives Feedback für mich sein mag, noch wertvoller ist konstruktives Feedback. Am besten ist natürlich eine Kombination von beiden. So kann ich die nächsten Schritte in einem Projekt planen und es hilft mir dabei, umso motivierter in den nächsten Schreibtag zu starten.
Besonders schön ist es natürlich, wenn eine Geschichte veröffentlicht wird. Das gibt nochmal ein stärkeres Gefühl, etwas erreicht zu haben.
Und dann gibt es da noch die großen, seltenen Ereignisse, die besonders in Erinnerung bleiben. Ein Vertragsabschluss. Den eigenen Roman in den Händen zu halten. Eine Preisverleihung. Eine wertschätzende Rezension. Oder einer lieben E-Mail von Lesenden.