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Burn After Midnight (Starcats Fortsetzungsgeschichte 2023)

Dieses Jahr schreibt Starcat hier #SatzFürSatz jeden Tag an einer Fortsetzungsgeschichte.

(Lesedauer ca. 11 Minuten)

Was bisher geschah …

Über den Dächern der Bochumer City explodierte die Silvesternacht in einem Schauer aus Violett, Grün und Goldregen.
Nach zwei Jahren Abstinenz und dem Frühling bereits in den Startlöchern, fühlten viele sich zu Feuerwerkern und Pyrotechnikerinnen berufen. Statt Nudeln und Klopapier wurden vorsichtshalber Schinken von Chinaböllern gehortet, Gefahrgutklasse 1.4S ohne Verkaufsbeschränkung.
Ole lehnte am Geländer des winzigen Balkons im ersten Stock, der kaum mehr als eine Türnische mit Brüstung war und sah unten in der Gasse eine Obdachlose, sie schien es eilig zu haben.
Im nächsten Augenblick stand ihr abgewetzter Mantel in Flammen.
In seinem Schreck hörte er nichts, sah kurz nicht sie, sondern den gleißenden Feuerball der Hindenburg vor Augen, von der bloß Schwarzweiß-Aufnahmen überlebt hatten. Mit welcher Farbe hatte sie gebrannt?
Schon war die Flammenfrau außer Sicht.
Er lehnte sich vor, soweit die Brüstung es zuließ, streckte die Zehen durch, reckte weiter den Hals, jeder Zentimeter zählte, bis sein Blick kippte, die Welt ins Taumeln geriet und er mit ausgestreckten Armen um sein Gleichgewicht ruderte.
Ihm wurde heiß und kalt, wie bei der simulierten Grubenfahrt im Bergbaumuseum, bloß potenziert durch die Schneebowle, er stürzte ab.
Doch der Boden rückte nicht näher, er hing in der Luft - schwebte.
Eine Hand hatte ihn am Gürtel seiner Jeans gepackt und mit einem Ruck in Richtung Zimmer landete er auf seinem Hintern. »¿Estás loco?«
Ole wischte über sein Gesicht, sah den entgeisterten Ausdruck seiner Kommilitonin und musste kichern.
Dalia stieß ihn zurück, als er versuchte sich aufzuraffen. »So nicht, amigo mío. Bleib wo du bist. Das Jahr ist noch keine Stunde alt und meine guten Vorsätze sind beinahe zum Fenster raus. No stiffs until after Día de Reyes.«
Er starrte vor sich hin und schien sie kaum wahrzunehmen, an der Bowle konnte es nicht liegen, die hatte sie anhand eines alten Familienrezepts improvisiert und nach drei Bechern war noch niemand über Bord gegangen.
Zur Sicherheit schloss sie die Balkontür, jedoch nicht ohne selbst einen Blick hinaus zu werfen und hinunter. Ole sprang auf zur Tür.
»Wo willst du hin?«, rief sie ihm nach und hetzte die Treppe hinunter. »Burro!«
Die Luft draußen war kühl und roch nach Schwarzpulver, aus der Nachbarschaft waren gedämpfte Stimmen, Heuler und Kanonenschläge zu hören.
Beinahe wäre sie im Halbdunkeln über ihn gestolpert, er hockte am Boden und scharrte mit dem Stiel einer abgebrannten Rakete an einer verkohlten Stelle auf dem Pflaster. »Hier hat sie gestanden. Ich habs mir nicht eingebildet.«
Vom Eingang der Gasse war heiseres Gelächter zu hören. Zwei Halbwüchsige blödelten herum, der eine rannte im Kreis und wedelte mit den Händen über dem Kopf, wie um einen unsichtbaren Insektenschwarm zu vertreiben, während der andere mit seinem Smartphone filmte.
»Hey«, rief Ole und deutete auf die beiden, »Ich hab alles gesehen, ich weiß was ihr treibt!«
Der Influencer plusterte sich auf und zeigte ihm den Mittelfinger, sein Kumpel machte mit der Kamera einen Schwenk auf Ole. »Verzieh dich, Boomer.«
Ole setzte zu einem Sprint an. Die beiden erschraken, trennten sich, als hätten sie sich abgesprochen und preschten zwischen den Häuserblöcken in entgegengesetzte Richtungen davon.
Nach der dritten Abzweigung gab er atemlos die Verfolgung auf, sie hatten ihn abgehängt.
Ein beißender Rauchgeruch wehte ihm zwischen den Häusern entgegen, wie von schmorendem Plastik, und er folgte dem Gestank einmal um den Block.
Er stieß auf einen ausgebrannten Mülleimer, das Metall war noch heiß. Im geschwärzten Inneren erkannte er Pommesschalen, Becher und Zigarettenschachteln zwischen den Glutnestern eines Kleiderknäuels, den Überresten eines Mantels vielleicht.
»Da bist du.« Dalia verschränkte die Arme und zitterte in ihrem schulterfreien Top, ihre Jacke hatte sie in seiner Wohnung vergessen. »Auf Schatzsuche, ja?«
Darüber mussten beide lachen.
»Fehlanzeige.« Er wischte sich die Hände an der Jeans ab und begleitete sie zurück.

Ihr Nachname Rodríguez wurde im Pott halbwegs sauber ausgesprochen, weil er die einen an den Kultregisseur erinnerte, andere an Fußballer oder Schauspielerinnen und wieder andere fälschlicherweise an den Bassisten der Ärzte.
Sie studierte Medizin, er Archäologie, wie sie später bei einem eiskalten Fiege Bernstein herausfanden. Sie hatten sich nur kennengelernt, weil sie 2019 im selben Informatikkurs saßen, am heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung.
Ein ♡ Amiga Aufkleber auf seinem Notebook hatte als Eisbrecher fungiert. Ihre Hypothese: Ein Nerd mit Freundin würde, trotz ihres knappen Tops bei der Hitze, kaum versuchen sie anzugraben.
Damit hatte sie recht behalten, wenn auch aus anderen Gründen. Beim Bier war sie von Archäologie zu den Azteken abgebogen und untermalte Opferriten mit anatomischen Details. Die Frage nach ihrer Herkunft beantwortete sie der Einfachheit halber mit Mexiko.
Es war ein Ausloten des Gegenübers, ein Test der Vorstellungskraft, eine Frage der Weltanschauung und letztlich ein Abwägen von Charakter.
Außer ihrem Humor hatten sie wenig gemeinsam, darunter lag ein leises Gefühl von Seelenverwandtschaft.
Er hatte sich in seiner Gore-Phase durch sämtliche Splatterfilme auf DVD gearbeitet. Sie brauchte schon aufgrund ihres Anatomiekurses einen starken Magen. Es war ein blutiges Spiel zwischen ihnen, sich in grotesken Einzelheiten zu übertreffen.
Auf dem Weg zurück zur Wohnung dachte Ole an den Azteken-Häuptling, der zur Heirat in eine Herrscherfamilie ein Kapuzengewand aus Haut trug. Zu Ehren des Fruchtbarkeitsgotts und zum Entsetzen des Brautvaters, der darin das Gesicht seiner Tochter wiedererkannte.

In der Ferne zerbrachen nur noch vereinzelte Raketen lautlos wie Seifenblasen in schillerndem Sternenregen. Er wusste nicht, wie lange sie unterwegs waren, aber er musste sich mehrmals neu orientieren. Im Dunkeln sah alles gleich aus und anders.
»Gibbet nich«, grummelten sogar alteingesessene Bochumer, wenn man sie nach der sogenannten Mottengasse fragte.
Beleuchtet von einer uralten Straßenlaterne, führte der Schleichweg zwischen zwei rußgrauen Wohnblöcken hindurch, geradewegs in einen beengten Hinterhof, in den die Ecke der Nummer neun ragte. Die schmale helle Neun behauptete sich zwischen den Nachbarhäusern wie eine von Pflastersteinen eingeklemmte Streichholzschachtel.
Die Hintertür führte hinein zu einer Treppe und einem Flur, der auf halber Länge vor einer provisorisch hochgezogenen Wand endete, vor der sich alte Farbeimer stapelten. Neben der Tür im ersten Stock stand »Truffel«, auf einem Streifen Tesafilm am Klingelschild. Ole kramte den gordischen Knoten hervor, an dem sein Schlüssel hing. Inzwischen waren sie beide ziemlich durchgefroren und schlossen die Wohnungstür erleichtert hinter sich.
Dalia stutzte. »Wo kommt die denn her?«
Zwischen schmutzigen Schuhabdrücken lag die Werbepostkarte einer Pizzeria. Eine Ecke war angesengt wie von glühenden Fingern. Nein, von einem Feuerzeug natürlich.
Auf der Rückseite standen die Worte, die Ole zu den beiden Typen gesagt hatte.
Mit entsetzlicher Seelenruhe betrachtete er die Postkarte.
Sie starrte ihn an, die unausgesprochene Frage im Raum lautete: Hatte sie die Tür nicht zugezogen?
»Ich hab den Schlüssel genommen. Ich dachte …« Sie ließ die Schultern sinken.
Ohne aufzublicken durchquerte er die Wohnung bis zum Schreibtisch, schaltete den PC ein und rüttelte an der Maus. Noch bestand eine Chance, dass jemand das Video der Influencer im Rahmen der lokalen Feierlichkeiten auf Social Media teilte.
Trotz des milden Winters hatte sie eine Wolldecke mitgebracht und nun wie einen Poncho übergeworfen. Sie lehnte im Türrahmen zum Wohnzimmer und spielte mit den Fransen.
»Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Jahr?«
»Hmm-mmh«, brummte er und scrollte inzwischen durch Youtube.
Sie tauchte neben ihm mit einem Glas Bowle auf. »Was suchst du überhaupt?«
Ole erzählte ihr von der Flammenfrau.
»Demonesa«, flüsterte sie und nahm einen Schluck.
Er drehte sich zu ihr. »Du glaubst mir nicht.«
Ein Vorschaubild zeigte Straßenschildvandalismus aus der erweiterten Nachbarschaft. Orangerote Sprühfarbe hatte den Hellweg in Hellway verwandelt.
»Gute Vorsätze. Flammenfrau.« Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. »Ich bin aufgewachsen mit diesen Geschichten.«
»Bloß war das keine brennende Geschichte im Hof.« Er scrollte weiter.
Ein einsamer Kanonenschlag zerriss die Stille. Sie saßen im Dunkeln.
Ihr Gesicht tauchte neben ihm auf, sie ließ ihre Finger mit den Fransen der Decke tanzen. »Das ist ein Zeichen.«
»Quark«, brummte er.
Auf der Fensterbank standen vier Stumpenkerzen eines vergangenen Weihnachtsfests, die inzwischen durch warme Sommer und Heizungsluft etwas verformt waren. In der Kommodenschublade fand er Streichhölzer.
Mit nur einem Versuch zündete er die Kerzen an.
»Romantisch.«
»Jaja.«
Er steckte die Streichholzschachtel ein. »Bleib du hier. Ich sehe unten nach den Sicherungen.«
»Warte«, sie holte ihr Smartphone aus der Jacke und hielt es ihm hin. Das stilisierte (^^) im Logo schien ihn zu verspotten.
»Was soll ich damit? Dauert bloß eine Minute.«
Sie aktivierte das Kameralicht.
Er schüttelte den Kopf. »Den Dingern trau ich nicht.«
»Motorolas?«, sie hob eine Augenbraue.
»Allen.« Er klopfte stattdessen auf seine Hosentasche, in der die Streichhölzer raschelten.
»Ganz der Archäologe«, schnaufte sie.
Er grinste. »Archäo-ITloge.«
Im flackernden Schein jeweils eines Streichholzes bahnte er sich den Weg durch die Dunkelheit. Er verbrannte sich die Finger, fluchte und riss das nächste Streichholz an. So stakste er die Treppe ins Erdgeschoss hinab, den Flur entlang und dann in den Keller.
Die Kellertür war aus groben Planken zusammengezimmert. Die Eisenbeschläge knarrten schwerfällig, als ginge es in die Katakomben unter Draculas Schloss und nicht bloß einen kargen Gang entlang mit schlecht verputztem Mauerwerk und dem Stromkasten am Ende.
Ohne darüber nachzudenken griff seine Hand nach dem Drehschalter. Im Bakelitgehäuse schnalzte ein Kontakt und die funzelige Flurbeleuchtung erwachte zum Leben. Er stutzte, es hatte wohl bloß seine Wohnung erwischt.
Irgendwie war sein Onkel in den Besitz der hinteren Hälfte des Hauses gekommen und hatte scheinbar seitdem keinen Fuß mehr über die Schwelle gesetzt. Teil ihres Deals zum Einzug war, dass Ole sich alleine zurechtfand und um alles kümmerte. Dafür wohnte er mietfrei.
Er ging vorbei an verschlossenen Kellerabteilen, zum Sicherungskasten. Bisher hatte er nie Ärger mit der Stromversorgung gehabt, nicht einmal bei Gewitter. Er hoffte inständig, dass er noch irgendwo in einer Pappschachtel eine frische Schmelzsicherung hatte. Er fragte sich, wo er sonst an einem Sonntag Ersatz auftreiben sollte. Etwa bei einem der Nachbarhäuser klingeln, statt nach Milch oder Eiern nach DII-Schmelzsicherungen fragen und hoffen, dass auch dort die Elektroinstallation aus dem letzten Jahrhundert stammte.
Es lag keine Ersatzschachtel im Sicherungskasten.
Mit einem Klacken löschte die Zeitschaltuhr das Flurlicht. Daran hatte er nicht gedacht und griff wieder auf seine Streichhölzer zurück. Doch die Sicherung war intakt, jemand hatte sie bloß herausgedreht.
In der Kälte war der Schwefelgeruch seiner Flamme so stark, dass er eine Gänsehaut bekam. Er schloss die Blechtür und entdeckte einen Handabdruck an der Wand. Als er sich mit dem Streichholz näherte, sprang die Flamme über, glühte auf und erlosch gleich wieder.
Er tastete sich den Flur entlang, drehte das Licht auf, sah aber weder Abdruck noch Brandspuren an der Wand. Er war erschöpft und konnte seinen Sinnen nicht trauen. In den frühen Morgenstunden und umgeben von erdigem Kellergeruch wunderte er sich nicht über Gespenster.
Auf dem Rückweg fand er einen Luftpolsterumschlag im Flur neben der Haustür. Beim Aufheben spürte er etwas dickes Kantiges darin. Es war leicht wie Plastik und rappelte. Auf dem Umschlag stand nichts und als einziger Mieter fühlte er sich angesprochen.
»Endlich.« Dalia erwartete ihn bereits an der Wohnungstür. »Wir haben wieder Licht.«
Auf der Couch im Wohnzimmer öffnete er den Umschlag.
Sie machte große Augen. »Du hast eine Videokassette bestellt? Nerd!«
»Gar nichts hab ich.«
»Leg’ schon ein.« Sie warf sich neben ihm auf die Couch.
»Wo du deine Energie hernimmst«, gähnte er und deutete auf das Regal unter seinem Fernseher.
Eine PlayStation 3 thronte über alten Spielkonsolen, allesamt Startbereit. »Kein Videorecorder.«
»Warum hast dus dann bestellt?« Sie zwirbelte unruhig die Fransen ihrer Decke.
»Hab ich eben nicht«, gestikulierte er mit dem Päckchen.
Beide dachten das Gleiche. Jemand Fremdes war im Haus gewesen, im Keller und in seiner Wohnung.
»Sag mal«, er gähnte ausgiebig. »Willst du nicht langsam gehen?«
»Es ist mitten in der Nacht!«
»In Bochum passiert doch –«, er stockte.
»Nichts? Du meinst außer Creeps und menschlichen Bengalos?«
»Dann mach was du willst. Ich hau mich hin.«
Sie folgte ihm in Richtung Schlafzimmer.
»Was hast du denn vor?«
»Ich mach’ mir noch ’nen Mitternachts-Snack«, sagte sie und bog zur Küche ab.
»Viel Glück dabei«, brummte er.
Im Kühlschrank fand sie nicht viel außer einer angebrochenen Tube Senf, Licht und Leere.
Langsam öffnete sie eine Schranktür nach der anderen, damit ihn das Quietschen der Scharniere nicht störte. Ihre Ausbeute war gering: Earl Grey, ein Glas Oliven und eine Packung Cracker. Also machte sie sich eine Tasse Tee, strich Senf auf die Cracker und aß dazu 22 Oliven.
Um für die Nacht runterzukommen, knipste sie das Licht aus und schaute Städtevideos vom anderen Ende der Welt, die mit langsamer Musik unterlegt waren.
Auf der Couch allein zusammengerollt sank ihr Energielevel. In Seoul hatte bereits jemand das Neujahrsfeuerwerk hochgeladen.
Als Dalia sich die letzte Olive in den Mund warf, verfehlte sie. Auf der Decke fand sie nichts. Sie hockte sich auf den Boden und leuchtete mit ihrem Handy unter die Couch.
Etwas Unförmiges lag im dichten Staub und stank erbärmlich nach Keller und Gewürzen.
So konnte sie unmöglich schlafen. Im Medizinstudium hatten ihre Hände ekligere Nischen erkundet; sie reckte ihren Arm unter die Couch und zog zwischen Wollmäusen ein verschnürtes staubiggraues Lumpenpüppchen hervor. Es war von körnig knarziger Konsistenz und raschelte.
Nicht einmal die Motten hatten es angerührt. Der Gestank ließ ihre Augen tränen. Sie hasste Patchouli, den erkannte sie zumindest.
Am Mülleimer in der Küche zögerte sie kurz – hielt das gesichtslose Ding mit spitzen Fingern. Dann warf sie es hinein und ließ den Deckel zufallen.

Ole stand im Schlafzimmer und hielt den Umschlag mit dem Video noch in der Hand. Dalia rumorte in der Küche und er wollte nicht extra ins Wohnzimmer zurück. Also warf er die Kassette in die Schublade seines Nachtschränkchens und wandte ihr den Rücken zu.
Wie absurd – er bekam keine Post ins Haus. Beim Einschlafen trieben seine Gedanken zurück zur ersten Wohnung mit den schiefen Böden. Zustellerinnen und Paketjongleure mieden das Grenzgebiet der Dortmunder Nordstadt, deshalb hatte er Vorkehrungen getroffen.
Seit damals ging die Post an den Elektroladen seines Onkels oder eine Packstation.
Er war ein Gewohnheitstier. Es störte ihn auch in Bochum nicht, dass sein Hauseingang im Hinterhof keine offizielle Adresse hatte.
Der Laden seines Onkels spezialisierte sich auf Hifi-Fernsehtechnik und wirkte bereits zur Jahrtausendwende wie aus der Zeit gefallen. Inzwischen war er einer der Letzten seiner Art. Unter Retro-Sammlern stand er im Ruf, selbst exotische Geräte reparieren zu können.
Seit den 70ern dominierte eine Wand aus Fernsehern die Ladenfront. Niemand störte sich an Postsendungen zu Händen von O. Truffel. Sein Onkel Otte und er teilten sich Nachnamen und Anfangsbuchstaben. Als Kind hatte die Werkstatt im Keller auf ihn wie ein Wunderland gewirkt.
Heute erinnerten die Räumlichkeiten, in denen Otte sich mit Lötkolben, Lupe und Pinsel als Tech-Archäologe betätigte, an die Grabkammern einer hochtechnisierten untergegangenen Zivilisation. Oder an das Filmset einer 90er Jahre Science-Fiction Produktion.
Am Kiosk um die Ecke trug er den Spitznamen Scotty. Kam ein neues Gesicht hinzu, plauderte er beim Bier über die Optimierung von Oszillatoren, über Ablenkspulen und Elektronenstrahlen im Vakuum. Was er beruflich machte? Er operierte an Partikelbeschleunigern für den Hausgebrauch.
Ein dunkler Teil des Werkstattraums war mit Malerkrepp als Wartezimmer abgegrenzt, nicht für Kunden, sondern für Patienten. Wer länger als zwei Jahre dort ausharrte, ging auf die Reise. Seitlich, verborgen hinter einem schwarzen Vorhang, befand sich der Durchgang ins Kabinett.
Das Purgatorium war ein gewundener schlauchartiger Raum, wie das Innere eines riesigen Wurms, der sich durch Elektronikbänke fraß. Auf Lastenregalen stapelte sich Jahrzehnte an Braunware. Unterhaltung in Holzfurnier, teildemontiert, in Silber und Schwarz bis zu Klavierlackoptik.
Statt Lego oder Actionfiguren brachte Otte ihm zum Geburtstag jedes Mal ein Technik-Artefakt mit, bei dem sich die Reparatur nicht lohnte. Klein Ole verbrachte Stunden damit, es wie ein kryptisches Puzzle in seine Einzelteile zu zerlegen. Mit acht bekam er seinen ersten PC.
Für seinen Berufsberater in der Realschule war selten ein Fall so klar gewesen: Radio-Fernsehtechniker im Laden des Onkels. Wen kümmerte, dass der Junge jeden Tag vorm Computer hing oder seine Vorliebe für Archäologie? Bestimmt hatte er bloß zu oft Indiana Jones gesehen.
Darüber konnte Otte nur den Kopf schütteln. Mit der Wii war gerade die letzte Konsole der Röhrengeneration erschienen. Die Zukunft schimmerte in glasklarem HD. Zu reparieren gab es da nichts mehr, bloß wegzuwerfen. »Überlass die alten Kisten mal mir. Geh studieren.«
Inzwischen studierte er Archäologie und Informatik im 32. Semester. Vielleicht würde er eines Tages bei einer Ausgrabung in den Fußspuren seines Ururgroßvaters stehen, dem Erfinder der Archäologenkelle. Bis dahin hielt er sich mit dem Bau von Webanwendungen über Wasser.
Ole saß im Büro, einer umfunktionierten Besenkammer. Das Telefon schrillte mit Babygeschrei. Es war nicht sein Chef, sondern die Pizzeria Diablo. Die hatte ihm eine Postkarte mit dem Logo für die Website geschickt. Er fragte sich, ob die Brandspuren auf der Karte dazugehörten.
In ihrem Traum saß Dalia an einem langen Tisch, auf dem sich ihre Leibspeisen türmten. Überquellende Obstschalen mit Granatapfel, saftigen Mangos, Guaven und Papayas. Dazu Tacos und Enchiladas mit zahlreichen Dips in kleinen Schalen. Zum Nachtisch: Flan und andere Köstlichkeiten.
Sie vergaß, wo sie war und aß mit Heißhunger. Der Saft der Früchte lief ihr übers Kinn und mischte sich mit Chili-Schokosauce. Süße Churros schmolzen im Mund. Bald strich sie Guacamole mit den Fingern auf Tamales und griff gleich mit der Hand in den karamelligen Vanillepudding.
Vage wurde sie sich ihrer Umgebung bewusst. Im Schneidersitz spürte sie den kalten Höhlenboden. Fackelschein tanzte über nackten Fels und alles vibrierte mit dumpfem Trommelschlag. In der stickigen Wärme mischte sich der Geruch der Speisen mit ihrem Schweiß.
Ihre verschmierten Hände verrichteten ihr Werk wie fremdgesteuert. Sie wusste nicht, welche Finger sie zuerst ablecken sollte.
Dann fiel ihr etwas Schweres in den Schoß. Eine blutige Steinklinge. Heiße Nässe strömte von ihrem Hals über ihre Kleidung und sie bekam keine Luft mehr.
Sie schreckte von der Couch hoch. Die Wolldecke schnürte ihr die Luft ab. Irgendwie hatte sie sich darin verfangen.
Aufrecht atmete es sich leichter und die Enge um ihren Brustkorb löste sich. Hinten den Vorhängen graute der Morgen. Sie fröstelte.
Die Scheiben waren beschlagen, als hätte sie nicht bloß allein auf der Couch gepennt. Ihre Nasenspitze war taub vor Kälte. Trotzdem öffnete sie ein Fenster, um den Muff verbrauchter Luft und unruhigen Schlafs herauszulassen. Eisblumen breiteten sich auf der Scheibe aus.
In ihre Decke gewickelt, versuchte sie ihr Glück mit dem Wandthermostat neben der Tür. Sie schnippte gegen das Gehäuse, wie Ole sonst. Nicht einmal die Uhr darin funktionierte, gab aber ein nervöses Ticken von sich. Beim dritten Versuch sprang die Heizung mit einem Fauchen an.
Die Uhr an der Mikrowelle zeigte 7:40 und noch war es still. Sie wollte Ole nicht wecken, vielleicht war er Langschläfer. Also nutzte sie die Gelegenheit, hockte sich vor ihren Canvas-Rucksack und verschwand mit einigen Utensilien aus ihrem Notfallfach im Badezimmer.
Kaum zehn Minuten später rasselte ein Schlüsselbund und Ole kam mit einer Brötchentüte herein. »Schon wach?«
Nach ihrer Katzenwäsche und einem Schluck Mundspülung war sie zurück am Rucksack und kämmte ihr lockiges Haar.
Am Esstisch im Wohnzimmer trafen sie sich wieder.
Er riss die Bäckereitüte auf und drapierte sie auf dem Tisch.
»Mettbrötchen!« Dalia war hellwach und verdrehte beim ersten Bissen die Augen. »Geil. Rohes Fleisch am Morgen. Warum bist du eigentlich Single?«
Er zentrierte seine Zwiebelringe und biss in sein Brötchen. »Und du?«
»Ich hab dein ranziges Voodoo-Ding weggeworfen. So kann doch niemand schlafen.«
»Weggeworfen?« Er runzelte die Stirn. »Mein was?«
Sie deutete auf die Couch.
»Das musst du mir erklären.«
»Sieh in den Müll.«
»Den hab ich runtergebracht. Hat gestunken.«
»Dann wäre das geklärt.«
Er besaß keine zwei Tassen, die zusammenpassten und nur Super Mario war sauber gewesen. Sie nahm einen tiefen Schluck von ihrem Kaffee. Dabei starrten ihr die großen Cartoonaugen beschwingt auf die Brust. Sie schnaufte, beinahe hätte sie sich verschluckt.
Die Pupillen bewegten sich mit jeder Neigung der Tasse.
»Zu süß?« Er wärmte sich an seiner rosa Tasse. »Was ist so lustig?«
»Genau deine Farbe.«
»Bubbglegum.« Er nahm einen Schluck. »Ich mag Kirby. Stresst nicht und weiß sich immer zu helfen.«
Ole wollte dem Geheimnis der Nacht weiter nachgehen. »Lust mitzukommen?«
Während er sich im Bad aufbruchsbereit machte, spülte sie die Tassen. Neben dem Herd lag die angesengte Werbepostkarte der Pizzeria. Ihre Neugier war geweckt.
Das mochte sie an ihm, es wurde nie langweilig.

An diesem trüben Morgen war die Fußgängerzone menschenleer, für Sonntagfrüh nicht ungewöhnlich. Die meisten Bochumer brauchten nirgendwo zu sein und konnten ausschlafen. Einige hatten es bitternötig.
Und doch beschlich Dalia ein merkwürdiges Gefühl.
Es fuhren nicht einmal Autos.
Als Erstes wollte Ole sich einen Videorecorder besorgen.
»Saturn hat heute zu, außerdem hat 2023 angerufen und …«
»Vertrau mir.« Er nahm die Treppe in den Untergrund.
Sie zögerte auf halber Höhe. »Es fährt noch keine Bahn.«
»Wir kürzen ab. Außerdem nehme ich immer diesen Weg.«
Draußen wurde sie das Gefühl nicht los, dass jemand sie beobachtete. »Den Weg wohin?«
»Wirst du gleich sehen.«
Es ging weiter hinab über stehende Rolltreppen, kreuz und quer, dann aufwärts zu einer Bude, die neben dem Üblichen einige Game Boy Spiele in der Auslage hatte.
Das Scherengitter war zugezogen. Ole klingelte.
»Ich hab seiner PlayStation einen SD-Umbau verpasst. Er schuldet mir was.«
Im Haus brannte kein Licht.
»Scheinbar schläft er noch. Und jetzt?«
»Plan B. Zu Ottes Laden.«
»Dein Onkel hat heute auf?«
Er rasselte mit seinem Schlüsselbund.

Ab dem 2. April geht es auf dem neuen Patreon Buch und Spiele weiter.

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Oh 😱


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